Philippinen

“Organized Atheism, Humanism, and Freethought in the Philippines: Social Practices, Lived Experiences, and Political Dimensions of Being Nonreligious in a Religious Nation” (Arbeitstitel)

Dissertationsprojekt: Alexander Blechschmidt, M.A.
Betreuung: Dr. Johannes Quack und Prof. Dr. Peter J. Bräunlein

Während sich die Ethnologie insbesondere in den letzten Jahren intensiv mit der Rolle von Religion(en) in der Moderne Südostasiens auseinandergesetzt hat, blieben dezidiert nichtreligiöse Phänomene und Gruppierungen weitestgehend unerforscht. Die sozialwissenschaftliche Erschließung religiös-nichtreligiöser Diskurse und Praxen als eigenständigen Forschungsgegenstand kann jedoch, so eine der grundlegenden Annahmen des Forschungsprojektes, zu neuen Perspektiven auf die Dynamiken von Religion und Modernität im gegenwärtigen Südostasien führen.

Die sich als „community of South-East Asian non-believers“ bezeichnende und 2009 gegründete Internetseite SEA-Atheists.org listet insgesamt 14 Organisationen, Gruppen und Netzwerke in den Ländern Hong Kong, Indonesien, Malaysia, Philippinen, Singapur und Thailand auf. Allein vier davon befinden sich auf den Philippinen, dem – neben Ost-Timor – einzigen christlich geprägten Land Südostasiens. Während sich die meisten dieser Gruppen auf Online-Aktivitäten zu beschränken scheinen, haben sich dort in den letzten Jahren zwei sehr aktive Gruppierungen herausgebildet, deren Mitglieder sowohl „online“ als auch „offline“ agieren: die Filipino Freethinkers (FF), gegründet im Februar 2009 und die Philippine Atheists and Agnostics Society (PATAS), gegründet im Februar 2011.

Mein Forschungsprojekt wird sich hauptsächlich diesen beiden Gruppen widmen, die zwar vieles gemeinsam haben, aber dennoch unterschiedliche Formen gegenwärtiger Nichtreligion auf den Philippinen darstellen. PATAS versteht sich selbst als „a social organization that provides social action for the promotion of atheism and agnosticism in the country“ – ein Ziel, das die Mitglieder der Gruppe nicht nur mithilfe von Konferenzen, „Coming Out“-Events und regelmäßigen Treffen zu erreichen suchen, sondern auch durch Gemeinschaftsarbeit, mit der sie der Bevölkerung zeigen möchten, auch „ohne Gott gut“ („Good without God“) sein zu können. Für die FF, nach eigenen Angaben „the largest and most active group of non-believers and progressive believers in the Philippines“, steht demgegenüber nicht die Verbreitung des Atheismus oder Agnostizismus auf der offiziellen Agenda, sondern die Förderung des sogenannten „freethougt“, worunter sie „a way of thinking unconstrained by dogma, authority, and tradition“ verstehen.

Atheismus ist für PATAS, ebenso wie Freethinking für die FF dabei nicht nur eine Weltanschauung, sondern eng mit sozialem Aktivismus verbunden. Dies zeigt sich u.a. in ihrer Befürwortung und Unterstützung von Menschenrechten, LGBT-Rechten oder des umstrittenen Reproductive Health Laws (RH Law). In ihrer Positionierung zu solchen gesellschaftlichen und moralischen Konflikten, in denen sich die komplexen Dynamiken von Religion, Politik und Modernität auf lokaler Ebene konkretisieren, wird die sozialpolitische Dimension von Nichtreligiosität auf den Philippinen sichtbar.

Indem ich solch spezifische Formen organisierter Nichtreligion auf den Philippinen mithilfe ethnographischer Feldforschung untersuche, versuche ich, die sozialen Praktiken und gelebten Erfahrungen ihrer Mitglieder als Nichtgläubige und Freidenker in dieser christlich dominierten Nation in den Blick zu bekommen und somit zu einer empirisch fundierten Analyse gegenwärtiger Nichtreligion in Südostasien zu gelangen. Dieser empirische Zugang schließt dabei konzeptionell an den relationalen Ansatz an, den Quack (2013, 2014) zur Erforschung von Nichtreligion bzw. nichtreligiösen Phänomenen vorgeschlagen hat. Damit können sowohl die Spezifität gegenwärtiger Manifestationen von Nichtreligion wie PATAS und FF und ihre Entstehung vor dem Hintergrund des sozio-kulturellen, historischen und politischen Kontexts der Philippinen herausgearbeitet als auch ihre Beziehung(en) zum entsprechenden religiösen Feld betrachtet werden. Meine ethnographische Analyse trägt einerseits zu einem besseren Verständnis kultur- und lokalspezifischer Formen von Nichtreligion im Rahmen eines inter- oder transkulturellen Vergleichs bei und erweitert damit das im Entstehen begriffene Forschungsfeld der „Vielfalt von Nichtreligion“. Andererseits vermag sie mit der Verschiebung des Forschungsfokus von Religion(en) auf nichtreligiöse Phänomene und Akteure zugleich auch neue Erkenntnisse über die komplexen Dynamiken von Religion, Politik und Modernität im gegenwärtigen Südostasien zu generieren.

Header Image: Manila, Philippinen (Foto: Alexander Blechschmidt).