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Die Vielfalt der Nichtreligion

Weshalb und wie distanzieren sich Menschen in verschiedenen Teilen der Welt von religiösen Traditionen und Lebensweisen?

Eine indifferente Haltung gegenüber Religion auf der einen Seite und Religionskritik auf der anderen zeigen beispielhaft, dass es sehr unterschiedliche nichtreligiöse Positionen gibt. Auch variieren die Gründe für eine nichtreligiöse Haltung erheblich, da neben individuell-biographischen Faktoren auch unterschiedliche soziokulturelle, religiöse und politische Kontexte eine solche beeinflussen. Obwohl unterschiedliche Arten der Nichtreligiosität seit einiger Zeit ein wachsendes Forschungsfeld in den Kultur- und Sozialwissenschaften darstellen (siehe beispielsweise das NSRN), steht eine systematische Beschreibung und Theoretisierung der verschiedenen Wege, Grade, Gründe und Kontexte nichtreligiöser Positionen noch aus.

Im Rahmen dieses Forschungsprojekts untersuchen wir Formen der Nichtreligion durch ethnographische und qualitative Studien in verschiedenen nationalen Kontexten. Ausgehend von einer programmatischen Herangehensweise, die Nichtreligion als relational begreift und sich soziologischer Feldtheorien bedient (Quack 2013, 2014), konzentrieren wir uns auf die Geschichten, Weltanschauungen, Ziele und Aktivitäten von nichtreligiösen Individuen und Gruppen in Indien, den Niederlanden, den Philippinen, Deutschland und Schweden, d.h. wir forschen sowohl in Gesellschaften, die als sehr religiös wahrgenommen werden als auch in Gesellschaften, die als säkular (geprägt) gelten.

Ziel unserer Forschung ist es nicht, Definitionen von „Religion“ oder „Nichtreligion“ zu erstellen, sondern zu untersuchen, wie und warum Menschen sich selbst als nichtreligiös verstehen und/oder von anderen so bezeichnet werden. Von was genau distanzieren sich Menschen, gegen welche Aspekte oder Formen von Religion richtet sich ihre Ablehnung? Welchen Ausdruck nehmen nichtreligiöse Selbstverständnisse an und welche Konsequenzen ergeben sich aus einer entsprechenden Selbstpositionierung für den Alltag dieser Menschen?

Im Hinblick auf die unterschiedlichen Weisen, wie sich nichtreligiöse Akteure auf ein bestimmtes religiöses Feld beziehen oder zu diesem in Beziehung gesetzt werden, lassen sich spezifische Arten der Nichtreligiosität unterscheiden (für eine detaillierte Fallstudie siehe Quack 2012). Während dieses Verhältnis in einigen Fällen „negativ“ bestimmt ist, wie es bei einer expliziten Ablehnung von Religion deutlich wird, zeigen andere Beispiele „positive“ Charakteristika. Diese können beispielsweise Ausdruck in einer säkularen Moral finden, die auf Humanismus und Menschenrechte verweist, oder sich in der Betonung alternativer, aus dem Naturalismus oder naturwissenschaftlicher Erkenntnis abgeleiteter Weltbilder/Weltanschauungen widerspiegeln.

Religiöse-Nichtreligiöse Dynamiken in der heutigen Welt

Unsere Studien zu religiös-nichtreligiösen Dynamiken sind maßgeblich empirische Fallstudien. Analytisch arbeiten wir mit dem Begriff des „Säkularen“ als „epistemische Kategorie“ und einem Bewusstsein der historischen Genese eines „immanenten Rahmens“ und säkularer Ordnungen.

„Nichtreligion“ verstehen wir als einen heuristischen Begriff, der alle Phänomene umfasst, die sich von Religion unterscheiden, gleichzeitig aber auf diese bezogen sind (siehe Was ist Nichtreligion? und Quack 2013, 2014). Dieser Begriff bezeichnet also eine Gruppe wenig erforschter Phänomene und Beziehungen, es handelt sich nicht um einen analytischen Begriff, der klare Grenzen zwischen Religion und Nichtreligion definiert. Wir gehen davon aus, dass Arten der Nichtreligiosität, sowie ihre Verknüpfungen mit sozialem und politischem Aktivismus in Relation zu spezifischen religiösen Feldern sowie unterschiedlichen säkularen Ordnungen verstanden werden können.

 „Säkularität“ wird in diesem Zusammenhang als (institutionalisierte) Unterscheidung von Religion und Nichtreligion verstanden, die selbst Gegenstand von Sinndeutungen und normativen Aushandlungen ist (siehe das Projekt Multiple Säkularitäten). Verschiedene Formen von Säkularität können zum Beispiel in kulturellen, gesetzlichen und politischen Ordnungen untersucht werden. „Säkularismus“ ist eine Form, die das Nichtreligiöse annehmen kann, während säkulare Ordnungen relevante Kontexte für (nicht)religiöse Selbstpositionierungen darstellen.

Literatur:

Quack, J. (2012). Disenchanting India: Organized Rationalism and Criticism of Religion in India. New York: Oxford University Press.

Quack, J. (2013). Was ist ‚Nichtreligion‘? Feldtheoretische Argumente für ein relationales Verständnis eines eigenständigen Forschungsgebietes. In P. Antes and S. Führding (eds.): Säkularität in religionswissenschaftlicher Perspektive. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht unipress, 87-107.

Quack, J. (2014). Outline of a Relational Approach to ‘Nonreligion’. Method & Theory in the Study of Religion, 26(4-5), 439-469.