Was ist Nichtreligion?

Entwurf eines relationalen Ansatzes

Dieser Text basiert auf einem Vortrag von Dr. Johannes Quack, der im Rahmen einer Konferenz des “Nonreligion and Secularity Research Networks” (NSRN) am Goldsmith College, London, im Juli 2012 gehalten wurde, sowie auf zwei nachfolgenden Publikationen (Quack 2013, 2014). Ausdrücklich anzuerkennen ist, dass dieser Text auch auf den Arbeiten der Mitglieder dieses Netzwerkes aufbaut.

Der Titel unseres Forschungsprojekts provoziert für gewöhnlich zwei Fragen: Erstens, zielt das Projekt darauf ab, eindeutige Grenzen zwischen Religion und Nichtreligion zu ziehen? Zweitens, versucht es, alle Phänomene zu untersuchen, die nicht religiös sind? Die Antwort ist in beiden Fällen negativ. Beide Fragen weisen jedoch auf wichtige Aspekte unserer relationalen Konzeptualisierung von „Nichtreligion“ hin, wie sie durch Quack (2013, 2014) ausgearbeitet wurde und hier entsprechend zusammengefasst wird.

In Bezug auf die erste Frage schlägt Quack „Nichtreligion“ als einen heuristischen Begriff zur Bezeichnung einer Reihe wenig erforschter Phänomene vor: Phänomene, die als nicht religiös verstanden werden, aber dennoch einen relevanten und bestimmbaren Bezug zu Religion aufweisen. Offensichtliche Beispiele sind Agnostiker und Atheisten. Nichtreligiöse Menschen und Phänomene beziehen sich jedoch nicht nur durch Fragen nach der Existenz von Gott, Göttern oder anderen übernatürlichen Wesen auf Religion, sondern beispielsweise auch auf moralischer, gesellschaftspolitischer, epistemologischer oder ästhetischer Ebene. Während manche erklärt nichtreligiöse Menschen fasziniert von bestimmten religiösen Vorstellungen, Praktiken und Ästhetiken sind, interessieren sich andere eher für eine nüchterne wissenschaftliche Analyse von Religion. Einige Menschen suchen nach funktionalen Äquivalenten zu religiösen Ritualen, während andere nach einer allumfassenden säkularen Moral und normativen Vorgaben suchen, um ihren Alltag entsprechend zu gestalten.

Darüber hinaus variieren die Umstände, die Menschen dazu bringen ein nichtreligiöses Leben zu führen, oft stark und werden insbesondere durch die religiösen, kulturellen und sozio-politischen Hintergründe unterschiedlicher Gesellschaften beeinflusst (unsere empirische Arbeit konzentriert sich auf Indien, Schweden, Deutschland, die Niederlande und die Philippinen). Angesichts der hieraus resultierenden Vielfalt der Nichtreligion werden wir nicht den Versuch unternehmen, „Religion“ und „Nichtreligion“ zu definieren; stattdessen ist es unser primäres Ziel, zu verstehen, warum und wie Menschen sich selbst als nichtreligiös verstehen oder als solche beschrieben werden. Welches (implizite) Verständnis von religiösen Glaubensformen, Praktiken, und Zugehörigkeiten liegt dem zugrunde? Welche Konsequenzen hat eine nichtreligiöse Positionierung für die alltägliche Lebensführung der Menschen? Welche Glaubensformen, Praktiken, und Zugehörigkeiten sind konstitutiv und charakteristisch für nichtreligiöse Weltanschauungen und Arten der Lebensführung?

Quacks Antwort auf die zweite Frage – ob „Nichtreligion“ alles umfasst, was als nicht religiös gilt – wurde oben bereits angedeutet. Um der konzeptuellen Klarheit willen schlägt er vor, zwischen „nichtreligiösen“ und „areligiösen“ Phänomenen zu unterscheiden. Der (graduelle und kontextabhängige) Unterschied zwischen nichtreligiösen und areligiösen Phänomenen ist, dass sich die Analyse ersterer notwendigerweise auf Religion bezieht, während dies bei areligiösen Phänomenen nicht der Fall ist. Auch wenn eine so klare Unterscheidung nur im Abstrakten vorgenommen werden kann, lohnt es sich dennoch, die Arten und Stärken der Beziehungen zu erforschen, die zwischen verschiedenen Ausformungen und Verständnissen von „Religion“ und „Nichtreligion“ bestehen. Derartige Überlegungen bilden den Kern der von Quack vorgeschlagenen relationalen Perspektive (2013, 2014).

Ein relationaler Ansatz

Ein ähnlicher Zugang wurde von Collin Campbell (1971) und darauf aufbauend von Lois Lee vorgeschlagen. Im NSRN-Lexikon definierte Lee Nichtreligion als: “Something which is defined primarily by the way it differs from religion” (Lee 2011: 2, Hervorhebung im Original). Der oben skizzierte Ansatz von Quack unterscheide sich von Campbell und Lee u.a. durch seine explizite und umfassendere Konzeptualisierung der Relationalität von „Nichtreligion“, welcher von Pierre Bourdieus methodologischem Relationalismus und dessen Feld-Konzept inspiriert wurde. Anstatt von einem Forschungsgegenstand auszugehen, der mit klaren Definitionen und durch primäre und sekundäre Eigenschaften beschrieben werden kann, beginnt er mit der Feststellung, dass es unterschiedliche Wege gibt, religiöse und nichtreligiöse Phänomene zu definieren und miteinander in Beziehung zu setzen. Mit einem heuristischen und relationalen Verständnis von „Nichtreligion“ können Beziehungen und Reaktionen zwischen Phänomenen, die als religiös oder nichtreligiös gelten, kontextspezifisch und auf der Grundlage empirischer Daten in den Blick genommen werden. Ferner können Studien zu Nichtreligion mit der Adaption der Feldmetapher die bestehende Erforschung religiöser Felder um die Erforschung von Positionen in einem religionsbezogenen „Umfeld“ erweitern.

Das religionsbezogene Umfeld

Ein religiöses Feld umfasst alle Phänomene, welche im jeweiligen sozio-historischen Kontext gemeinhin als religiös verstanden werden, d.h. Glaubensformen, Praktiken und Zugehörigkeiten, die von den untersuchten Personen Religion oder Religionen zugeschrieben werden. (Diese objekt-abhängige Konstitution eines religiösen Felds kann im Prinzip durch jede Religionsdefinition ersetzt werden.) Während unterschiedliche Forschungskontexte (bzw. unterschiedliche Definitionen) verschiedene religiöse Felder abgrenzen, wird jedes wie auch immer konstituierte religiöse Feld von einem heterogenen, religionsbezogenen Umfeld umgeben. Ein religionsbezogenes Umfeld beinhaltet alle Phänomene, die als nicht religiös verstanden werden und zugleich in relevanter Beziehung zum entsprechenden religiösen Feld stehen (daher „nichtreligiös“ anstatt „areligiös“). Es besteht aus einer Konstellation von Beziehungen zwischen Religion und Nichtreligion, deren Strukturen am besten auf der Basis detaillierter Fallstudien beschrieben werden können.

Die Grenzen zwischen einem religiösen Feld und seinem religionsbezogenen Umfeld sind immer Gegenstand von Aushandlungsprozessen. Die Diskussionen um Konzepte wie „unsichtbare Religion“, „believing without belonging“, „belonging without believing“, Spiritualität, „fuzzy fidelity“ und Zivilreligion weisen auf einige der möglichen Auseinandersetzungen an diesen Grenzen hin. Obgleich wir uns auch mit diesen Debatten beschäftigen, wollen wir den Fokus insbesondere auf weniger umstrittene Positionen innerhalb des religionsbezogenen Umfeldes und deren Beziehungen zum religiösen Feld legen. Die entsprechenden Grenzen des religionsbezogenen Umfeldes sind noch diffuser als die des religiösen Feldes; auch deswegen untersuchen wir primär die Arten und Reichweiten von Beziehungen zwischen spezifischen religiösen und nichtreligiösen Positionen, und sprechen hierbei – in Rekurs auf Bourdieu – von „Feldeffekten“.

Dieser relationale Zugang zu Nichtreligion fordert nicht zuletzt die reflexive Einsicht, dass wissenschaftliche Studien zu Religion und Nichtreligion selbst Teil eines religionsbezogenen Umfeldes sind. Basierend auf einem säkularen, wissenschaftlichen Selbstverständnis und angesichts des Bestrebens, als „neutrale Experten“ für Religionsfragen anerkannt zu werden, stehen diese Studien unweigerlich in einem Spannungsverhältnis zum religiösen Feld.

Zusammenfassung: Relationale Untersuchung der Vielfalt von Nichtreligion

Die wissenschaftliche Forschung zu Religion untersucht im Allgemeinen die Entwicklungen und die unterschiedlichen Formationen innerhalb religiöser Felder. Die Säkularisierungstheorie konzentriert sich insbesondere auf das vermeintliche Schrumpfen des religiösen Feldes und die damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen. Quack schlägt vor, diese Forschung durch die Betrachtung von Phänomenen zu ergänzen, die als nichtreligiös verstanden werden, aber dennoch auf vielfältige Weise mit dem religiösen Feld in Beziehung stehen. Sein relationaler Zugang führt weg von substantialistischen und statischen Entweder-oder-Fragen, wie etwa: Sind Atheisten selbst religiös – oder umgekehrt – müssten wir Humanisten oder rationalistische Gruppen aus der Untersuchung von Nichtreligion ausschließen? Stattdessen untersuchen wir, auf welche Weise sich eine vermeintlich nichtreligiöse Position auf das entsprechende religiöse Feld bezieht. Wie positionieren sich Repräsentanten des religiösen Feldes und Kommentatoren solcher Debatten selbst und wie konstituieren und formen sie dabei wechselseitig ihre eigenen Standpunkte? Wie werden die Grenzen zwischen religiösem Feld und religionsbezogenem Umfeld hierbei sowohl erzeugt als auch in Frage gestellt?

Literatur:

Campbell, Colin (1971). Toward a Sociology of Irreligion. London: Macmillan Press.

Lee, Lois (2011). Glossary. Virtual Conference: Non-Religion and Secularity Research Network (May 27): 1-4.

Quack, J. (2013). Was ist ‚Nichtreligion‘? Feldtheoretische Argumente für ein relationales Verständnis eines eigenständigen Forschungsgebietes. In P. Antes and S. Führding (eds.): Säkularität in religionswissenschaftlicher Perspektive. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht unipress, 87-107.

Quack, J. (2014). Outline of a Relational Approach to ‘Nonreligion’. Method & Theory in the Study of Religion, 26(4-5), 439-469.